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Frauen im deutschen Hip-Hop: Die unsichtbare Schwarze Rapper*in

Es ist nicht zu leugnen: Deutschrap hatte seine Ups and Downs. Von, naja, nennen wir sie „Ikonen“ wie Sido, Bushido und Eko Fresh (dem „Gangster-Rap“) ging es zur Generation Kollegah, Marteria, Cro und Money Boy. Nachdem es um Sido und co ruhiger wurde, hieß es sogar, Deutschrap sei tot. Nun stehen wir vor einer neuen Generation, die in den letzten Jahren ein unglaubliches Maß an Aufmerksamkeit genossen hat. Die US-Einflüsse des aktuellen Deutschrap-Stils sind enorm und gerade das wird von einigen Seiten stark kritisiert. Die anderen feiern es dagegen extrem. Unverkennbar hat sich die deutsche Rapszene gewandelt. Was fällt aber auf? Ganz klar, nicht-Schwarze cis Männer dominieren. Zugegeben: Die Repräsentation der Frauen im Deutschrap ist ebenfalls gewachsen. Aber wo sind die Schwarzen Frauen?


Die deutsche Rapszene war im Vergleich zum US-, UK-, französischen oder sogar niederländischen Rap schon immer problematisch: Sexistisch, voller kultureller Aneignung und antischwarz. In den 2000ern tummelten sich vor allem weiße und PoC in der Szene. Unter dem Image des „Gangster-Raps“ handelten die Texte unter anderem vom Leben im “Ghetto”. Ob diese Rapper jemals das Ghetto gesehen haben, ist stark zu bezweifeln. Innerhalb der Rapszene gab es auch ein paar Schwarze Künstler, die die Ausnahme gebildet haben: Dazu gehörten Schwarze Rapper wie Samy Deluxe, Megaloh, Afrob und CJ Taylor von Rapsoul – oder auch B-Tight, dem Coon persönlich, der vielen Schwarzen Kindern in der Schule durch einen bestimmten Song das Leben zur Hölle gemacht hat.
Wenn es zu Schwarzen Rapper*innen kommt, wird die Liste deutlich kürzer; abgesehen von Tic Tac Toe sind die Vertretenden in den 2000ern wahrscheinlich alle weiß oder WoC. Die weiße Berliner „Rapperin“ Kitty Kat wurde in den frühen 2000ern bei Sidos Label Aggro Berlin gesignt. In ihrem Track “MiYo!” (2009) „rappt“ sie:

Ihr dachtet Frauenrap klappt nicht / Klappt aber doch ganz gut Kitty macht Hits / Mein Song läuft mir geht es fantastisch

Ignorieren wir für einen Moment die Frage, ob der Text Rap generell gerecht wird und konzentrieren uns auf die Message: Die Lines sind ironisch, wenn einem die Parallelen zu weißem Feminismus auffallen; weiße Frauen bestehen auf ihren Platz, aber schließen Schwarze Frauen nicht ein. Eher nehmen sie einen Platz ein, der ihnen nicht zusteht. Denn allgemein ist fraglich, ob die dominierenden Vertreter*innen sich je mit der Geschichte und dem Geist der Hip-Hop Kultur auseinandergesetzt haben.

 

Deutschrap im Wandel

Inzwischen hat Deutschrap ein neues Gesicht bekommen. Die Einflüsse sind deutlich US-Amerikanischer, Musikproduktion hat sich transformiert und in Zeiten von Social Media sind auch die Musiker*innen diverser. Wir haben größere Kontrolle darüber, welche Musiker*innen wir in unseren Playlists haben wollen; Underground-Künstler*innen zu supporten ist so einfacher geworden. Aber auch unter den Größeren finden sich mehr und mehr afro-diasporische Gesichter: Manuellsen, Luciano, Tarek (K.I.Z), BSMG, um nur ein paar zu nennen. Und sogar ein paar Schwarze Frauen haben es in die Mainstream-Arena geschafft: Eunique, Rola, Layla und Nura haben sich mittlerweile etabliert und setzen einen Meilenstein in der kritischen Deutschrap-Szene. Nichtsdestotrotz bleiben Schwarze Frauen unterrepräsentiert – insbesondere dark-skinned Rapper*innen. In der Schwarzen Community sind Namen wie Preach, Leila Akinyi und Ace Tee bekannt, doch zählen zum Underground. Eunique und ihr Kobra Kartell sitzen daher mehr als wohlverdient auf dem Thron.

 

Kultureller Diebstahl

Ein Blick in die Charts verrät uns, warum viele aus unseren Communitys auf die Deutschrap-Szene verzichten. Wir sollten meinen, spätestens nach 2020 hätte auch der letzte Alman verstanden, was kulturelle Aneignung und die Wichtigkeit der Geschichte bedeutet. Doch Vertreter*innen im Deutschrap beweisen das Gegenteil. Loredana, Juju, Katja Krasavice, Schwesta Ewa und Shirin David sind in aller Munde. Verkleidet mit Perücken erobern mehr und mehr weiße Frauen die Charts. Während in den USA geplagt wird, dass es „white female rappers“ schwer in der Szene haben, ist das Bild in Deutschland verdreht.

Hip-Hop ist nicht nur Sprechgesang, sondern eine ganze Sub-Kultur, dessen Wurzeln im – Überraschung: weitgehend afro-amerikanisch bevölkerten – Bronx Borough, New York der 70er Jahre liegt. Es wuchs aus Kreativität, aus der die ärmeren Afroamerikaner*innen Wege fanden, um gemeinsam Musik zu machen. Dazu gehörten unter anderem DJs, MCs und Tanz. All das zu ignorieren und afro-diasporische Menschen hiervon auszuschließen, oder nur bis zu einem gewissen Grad zu „dulden“, wirft zurecht die Frage nach kulturellem Diebstahl und Rassismus auf.

Rapper Megaloh hat in einem Interview über das systematische Ausschließen von Schwarzen Rapper*innen in Deutschland geredet, weil sowas laut der deutschen Hip-Hop-Industrie nach Amerika gehöre. Da bleibt einem glatt die Luft weg. Auch Micel O. rappt in seinem Song Blackout über das Silencen und Unsichtbarmachen in der Musikbranche:

Ihr seid Fake, könnt es nicht kaschieren / Ihr habt Songs geklaut und Stil kopiert / Daedalus spricht zu mir / Er weiß ich hab‘ jede Menge investiert /
Meine Stirn geboten, mein Revier markiert / Doch wieso will die Szene mich nicht platzieren?

Und auch das Stehlen der eigen Kultur und dem Recht, welches der Schwarzen Community eigentlich zusteht, spiegelt er wieder:

Ohh, was soll ich sagen? / Ihr macht Mukke für die Schwarzen / Aber hatet heimlich die Hautfarbe. Sagt wen sollt ihr verarschen?

Black Music läuft im Club, der Türsteher meint ich kann nicht rein / So viele Jahre und noch immer trennen sich Schwarz und weiß

Jetzt reicht es aber erstmal mit den ganzen Männern. Die haben hier schon genug Platz eingenommen.

 

Die Schwarze Frau, ein Kostüm?

Shirin David als aktuell wohl erfolgreichste „Rapperin“ in Deutschland sagt selbst, dass sie ihre Vorbilder in Nicki Minaj und Cardi B sieht. Bekannt wurde die Künstlerin durch YouTube. Zu ihren Markenzeichen zählen Selbstbräuner und flexible Frisuren. Braune Haut und Perücken? Das sind doch eigentlich Attribute, die unter Schwarzen Frauen zu finden sind. Wie weit nähert sich Shirin mit ihrem Image aber Blackfishing an?

Diese Frage kam bereits nach den Veröffentlichungen der Musikvideos zu On Off und 90-60-111 auf. Respekt gegenüber der Hip-Hop Kultur ist das weniger. Stattdessen werden Attribute sowie Stereotype Schwarzer Frauen zu einem Kostüm gemacht, das sich weiße Frauen anziehen können, wenn es ihnen passt. Zugleich lässt es sich ablegen, wenn es ungemütlich werden könnte.

Auch “Rapperin” Loredana hopst mit wechselnden bunten Perücken durch die Musikvideos, der Bedeutung und dem Ursprung komplett unbewusst. Wieso promoten große Music Labels nicht direkt Schwarze Rapper*innen, anstatt weiße Frauen als solche zu verkleiden?

Dass Schwarze Musiker*innen inzwischen im Hip-Hop “geduldet” werden, sollte uns nicht genug sein. Zwar scheint Black Lives Matter auch die eine oder andere Kartoffel erreicht zu haben, doch auch in Deutschland diskutieren noch immer alte weiße Männer über BIPoC-Angelegenheiten, Polizeigewalt wird geleugnet und Schwarze Frauen bleiben noch immer ganz unten. Das zeigt das Ausschließen von Schwarzen aus einem Genre, das aus der Afro-Diaspora gewachsen ist, sehr deutlich. Es ist daher mehr als wichtig, das Rassismusproblem weiter und laut zum Dialog zu machen.

Ist das aber nicht zu politisch? Trennt uns das nicht sogar noch mehr? Nein. Denn Musikgeschichte, Kultur, Kleidung und „Gangster sein” ist politisch und trägt so viel mehr Tiefe als nur ein bisschen Musik.

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