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Das Harlem Cultural Festival – When The Revolution Could Not Be Televised

Vor einiger Zeit las unsere Autorin einen Tweet von Kimberlé Crenshaw. In dem Tweet machte Crenshaw auf das Harlem Cultural Festival 1969 aufmerksam, was zeitgleich zu Woodstock stattfand. Ein Festival mit Schwarzen Musiker*innen für ein Schwarzes Publikum in Harlem. 300.000 Menschen waren an sechs Wochenenden dort. Doch in der Musikgeschichte taucht es bis heute nicht auf.

Woodstock ‘69 ist wahrscheinlich jeder Person ein Begriff, die schon einmal auf die Festivalgeschichte und in die 60er Jahre-Bewegung, vor allem jene in den USA, geschaut hat. Euphorisch geplant und dann explodierten die Kapazitäten. Es gab Staus im ganzen Land. Selbst die Künstler*innen, die dort auftreten sollten, konnten in Teilen nicht anreisen, da sie nicht durch den Verkehr kamen. Manche wurden per Hubschrauber eingeflogen.

Aber das Festival Woodstock war nicht nur wegen der chaotischen Zustände und der Bilder von bekifften Hippies so bekannt, sondern auch durch die politische Intention, die dieses Festival widerspiegelte: Der Protest gegen den Vietnamkrieg (1955-1975). Es sollte ein friedliches Festival werden, bei dem man ein paar Tage Musik genießen und ausgelassen feiern wollte. Daher auch das Motto 3 Days of Peace & Music.

Woodstock flutete alles. Sogar in Deutschland entstanden durch diese Aktion ähnliche Veranstaltungen und Bewegungen. Das Festival-Konzept eines riesigen Ackers, auf dem die Festivalbesucher*innen ihre Zelte aufschlagen können, stammt übrigens aus Woodstock. Dort aus der Not heraus geboren, mussten die Veranstaltenden kurzerhand den Ort des Musikfestivals aus der Stadt Woodstock auf einen Acker 70 Kilometer entfernt verlegen. Weltweit bekannt wurde das Woodstock-Festival allerdings erst ein Jahr nach der Veranstaltung mit Veröffentlichung des Films Woodstock – 3 Days of Peace & Music.

Vergraben und vergessen

In diesem ganzen Rausch, dem Chaos und der Euphorie, ging eine andere Veranstaltung unter, die im gleichen Jahr stattfand. Kaum einer kennt sie, es sei denn, man war selbst dort oder gräbt tief in der Musikgeschichte des Jahres 1969: Keine zwei Autostunden südlich vom Woodstock-Festival und im gleichen Zeitraum fand das Harlem Cultural Festival statt. Auch hiervon gibt es Aufnahmen, die allerdings bis vor kurzem in Archiven verstaubten. Denn „damals wollte keiner einen Film mit so vielen Schwarzen sehen. Und niemanden kümmerte Harlem.“ Um die Aufnahmen besser zu vermarkten, nannten sie ihn „The Black Woodstock“, doch auch das half nicht. In einem Sommer stattgefunden, war es danach so, als hätte es dieses Festival nie gegeben. Bis der US-amerikanische Musiker und Regisseur Questlove die Videotapes des Festivals, die ca. 40 Stunden Aufnahmematerial beinhalteten, 50 Jahre nach der Veranstaltung zu einem Film zusammenschnitt. Im Januar 2021 feierte der Film seine Premiere auf dem 2021 Sundance Film Festival. Darin Live-Auftritte und Interviews mit damaligen Festivalbesucher*innen und Musiker*innen. Summer Of Soul (…Or, When the Revolution Could Not Be Televised) ist der Titel des Films. Denn laut Festivalbesucher*innen roch der Sommer 1969 nach Revolution, auch in Harlem. Doch die Aufnahmen wurden nicht veröffentlicht. Angelehnt an den Song des Musikers Gil Scott Heron „The Revolution Will Not Be Televised“, in dem die Konsumgesellschaft in den USA kritisiert wird und dazu aufgerufen wird, dass sich Schwarze Geschwister zusammentun und aktiv dagegen arbeiten, spiegelt der Film die gesellschaftlich-politische Atmosphäre der damaligen Zeit aus Schwarzer Perspektive wider. Und die Bedeutung von Musik.

Im Herzen Harlem‘s

An sechs Wochenenden, zwischen dem 29. Juni und 24. August 1969, versammelten sich insgesamt über 300.000 Menschen im Mount Morris Park in Harlem, New York. Ein kostenloses Festival mit Schwarzen Musiker*innen und in erster Linie für ein Schwarzes Publikum, welches zu der Zeit den Großteil der Bevölkerung Harlems ausmachte.

Das es nicht im kulturellen Gedächtnis verankert ist, sondern im Gegenteil vergessen wurde, ist verwunderlich. Denn die Musiker*innen, die dort auftraten, waren welche der wichtigsten Künstler*innen der Zeit. Sie prägten die Musiklandschaft noch lange nach dem Festival und teilweise bis heute. Stevie Wonder, damals 19, trat auf. Die Queen of Soul Gladys Knight & The Pips, Nina Simone. Die bekannteste Gospelsängerin derzeit Mahalia Jackson, Sly & The Family Stone und viele mehr. Und sie alle waren, genau wie das Publikum, überwältigt, so viele Schwarze Menschen auf einmal an einem Ort zu sehen. Gemeinsam zu tanzen, zu singen, den Struggle und ihre Probleme für ein paar Stunden zu vergessen und sich sicher zu fühlen. Wirklich sicher. Denn für die Veranstaltenden war klar, dass die New Yorker Polizei diese Eventreihe nicht als Security begleiten sollte. Für die Sicherheit sorgte stattdessen die Black Panther Party. For us by us. Denn die Menschen brauchten ein Gefühl von Gemeinsamkeit und Sicherheit.

„Was ist das für eine Gesellschaft, die sich mehr um den Mond sorgt, als um Menschen?“

Es war schließlich ‘69: Mitten in der Bürgerrechtsbewegung. Vietnamkrieg. Vier Jahre nach der Ermordung von Malcolm X und ein Jahr nach dem Mord an Martin Luther King. Die Stimmung in der Schwarzen Community war aufgeheizt nachdem im Sommer zuvor, nach dem Tod an King, in sämtlichen Städten der USA Plünderungen stattfanden und Gebäude angesteckt wurden. Die Wut war immer noch da, wurde von der Gewalt der Polizei weiter angefeuert und spaltete die Schwarze Community in die, die gewaltlosen Protest befürworteten und diejenigen, die sich wehren und sich selbst verteidigen wollten. Hinzu kam die Zeit der sogenannten „Heroin Epidemic“ in Harlem. Als viele Schwarze Menschen mit der Droge ihr Geld verdienen mussten oder abhängig wurden. Und die Wut verstärkte sich durch die Nachricht der Mondlandung. In den Interviews mit Festivalbesucher*innen aus der Zeit wird klar, dass dies ein aufgeladenes Thema war. „Die Millionen, die sie in die Mondlandung gesteckt haben, hätten genutzt werden können, um uns Schwarzen hier in Harlem Essen zu geben.“

Allerdings ist es auch nicht verwunderlich, dass es nirgends in der Musikgeschichte der Gegenwart auftaucht. Nicht mal dort, wo von Woodstock die Rede ist. Denn das Unsichtbarmachen und die strukturelle Ausradierung von Schwarzer Geschichte hat Tradition. Wenn man an die „Geschichte“ denkt, die in der Schule unterrichtet wird, wird offensichtlich, dass Schwarze Körper nicht vorkommen oder wenn, dann nur als Versklavte im „kurzen“ Kapitel des Kolonialismus.

Das Harlem Cultural Festival war auch deshalb so wichtig, da die Musiker*innen genau das ausdrückten, was die Menschen politisch und kulturell fühlten. „We wanted progress. We wanted our people lifting us up.“ Nina Simone brachte ihre Erfahrung als Schwarze Frau in den Vereinigten Staaten auf die Bühne und spielte dort zum ersten Mal ihren Song „To Be Young, Gifted and Black“, den sie gemeinsam mit ihrem Musikdirektor, dem Komponisten und Jazzpianisten Weldon Irvine, geschrieben hatte.

Ein Sommer voller Soul, der durch den Film von Questlove nun ein visualisierter Teil unserer Geschichte ist. Eine Quelle von Empowerment und ein Statement von Schwarzen und BIPoC-Communitys für die Schwarzen Communitys. Bekommen wir mehr Festivals wie diese?

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